zu der Fragen

Gewalt in der Bibel?



"Ihr habt gehört, dass gesagt ist:
Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.
Ich aber sage euch:
Liebt eure Feinde"
(Jesus in der Bibel, Matthäus 5,43)


"Wenn dich dein Bruder, deiner Mutter Sohn, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine Frau in deinen Armen oder dein Freund, der dir so lieb ist wie dein Leben, heimlich überreden würde und sagen: Lass uns hingehen und andern Göttern dienen, die du nicht kennst noch deine Väter, von den Göttern der Völker, die um euch her sind, sie seien dir nah oder fern, von einem Ende der Erde bis ans andere, so willige nicht ein und gehorche ihm nicht. Auch soll dein Auge ihn nicht schonen, und du sollst dich seiner nicht erbarmen und seine Schuld nicht verheimlichen, sondern sollst ihn zum Tode bringen. Deine Hand soll die erste wider ihn sein, ihn zu töten, und danach die Hand des ganzen Volks. Man soll ihn zu Tode steinigen (...)"

Religiöse Intoleranz in Reinform. Dieser Text stammt nicht aus dem Koran, nicht aus den Hadithen und er ist auch nicht Teil der Scharia. Es ist ein Gebot aus der Bibel: 5. Buch Mose oder "Deuteronomium" ("zweites Gesetz"), Kapitel 13, die Verse 7 bis 11. Denkt man an Bibel und Gewalt, fallen den meisten die Texte zur Landnahme aus dem Buch Josua ein. Dass es damals "normal" war, alle Jahre wieder im Frühling, wenn die Natur erwacht und die ersten Blumen blühen, sich gegenseitig umzubringen, ist bekannt:

"(...) Denn im nächsten Frühling wird der König von Syrien wieder gegen dich in den Krieg ziehen." (1.Könige 20,22)
"Als der Frühling kam, begann wieder die Zeit, in der die Könige ihre Feldzüge unternahmen. Auch König David ließ seine Soldaten ausrücken" (2. Samuel 11,1)

Natürlich gab es auch göttliche Anweisungen, wenigstens etwas gnädig zu sein:

"Du sollst nicht töten" (2. Mose 20, 13)
"Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein" (2. Mose 14, 14)
"Wenn du dich einer Stadt näherst, um gegen sie zu kämpfen, dann sollst du ihr zunächst Frieden anbieten. Und es soll geschehen, wenn sie dir friedlich antwortet und dir öffnet, dann soll alles Volk, das sich darin befindet, dir zur Zwangsarbeit unterworfen werden und dir dienen." (5. Mose 20,10-11)

Aber man war nicht bereit zu warten oder sich mit der Unterwerfung anderer zur Zwangsarbeit zu begnügen. Statt dessen musste Blut fließen. Oft wird von Christen behauptet, die ermordeten Völker wären so furchtbar gewesen (vgl. Sodom und Gomorra), dass deren Ermordung durch die Israeliten gerechtfertigt gewesen sei. Lesen wir nach, ob es wirklich das Motiv war, diese Völker um ihrer Bosheit willen zu strafen:

"Und die fünf Männer gingen hin und kamen nach Lajisch. Und sie sahen das Volk, das darin war, in Sicherheit wohnen, nach Art der Sidonier, ruhig und arglos. Und es gab keinen, der einem irgendetwas zuleide tat im Land, oder der fremdes Vermögen in Besitz genommen hätte. Und sie waren weit entfernt von den Sidoniern und hatten mit den Aramäern nichts zu tun. Und sie kamen zurück zu ihren Brüdern nach Zora und Eschtaol. Und ihre Brüder sagten zu ihnen: Was bringt ihr? Sie sagten: Macht euch auf und lasst uns gegen sie hinaufziehen! Denn wir haben uns das Land angesehen, und siehe, es ist sehr gut. Und ihr bleibt noch untätig? Seid nicht träge zu gehen, um hinzukommen, das Land in Besitz zu nehmen! Wenn ihr hinkommt, werdet ihr zu einem arglosen Volk kommen, und das Land ist geräumig nach allen Seiten hin. Ja, Gott hat es in eure Hand gegeben (Anmerkung: Ist das Gottes Wille?), einen Ort, wo es keinen Mangel gibt an irgendetwas, was auf Erden ist. Da brachen sechshundert Mann von dort auf, von der Sippe der Daniter, aus Zora und aus Eschtaol, umgürtet mit Waffen. (...) Und sie kamen über Lajisch, über ein ruhiges und argloses Volk, und schlugen es mit der Schärfe des Schwertes; und die Stadt verbrannten sie mit Feuer." (Richter 18,7-27; siehe auch Josua 19,47)

Um hier nicht unfair zu sein: Jedes Volk hatte seine Götter, die den Krieg absegneten oder gar forderten. Zumindest behaupteten dies die jeweiligen Priester. Natürlich hat Gott selbst das Recht, seine Geschöpfe in einer Sintflut zu ertränken (1.Mose 7,17-23) oder Feuer und Schwefel regnen zu lässen (1. Mo 19,24), um sie zu bestrafen. Menschen verschiedener Religionen können einander ja als Fraß der Hölle ansehen oder darauf warten, dass Gott die jeweils anderen vernichtet (dann kann sich ja zeigen wer Recht hat). Solange sie nur nicht selbst übereinander herfallen. Denn - was willst du einem Menschen einer anderen Religion sagen, der keinen Zweifel daran hat, dass er dich im Auftrage Gottes töten muss?

"In Jericho hatte man aus Angst vor den Israeliten sämtliche Tore fest verriegelt. Niemand kam mehr heraus oder hinein. Da sprach der Herr zu Josua: "Ich gebe die Stadt, ihren König und seine Soldaten in eure Gewalt. (...)" (...) Beim siebten Mal, als die Priester die Hörner bliesen, rief Josua dem Volk zu: "Schreit, so laut ihr könnt! Der Herr gibt euch Jericho! Gottes Zorn wird die ganze Stadt treffen. Alles in ihr muss vernichtet werden. Nur die Prostituierte Rahab soll am Leben bleiben und jeder, der bei ihr im Haus ist, denn sie hat unsere Kundschafter versteckt. Hütet euch davor, irgendetwas für euch zu behalten, worüber Gott sein Urteil verhängt hat! Ihr dürft nicht die Strafe Gottes vollstrecken und euch zugleich selbst schuldig machen. Sonst wird Gottes Zorn auch uns treffen und Unheil über unser Volk bringen. Das Silber und Gold und die Gegenstände aus Bronze und Eisen gehören dem Herrn. Sie sollen in der Schatzkammer des heiligen Zeltes aufbewahrt werden." (Anmerkung: Wozu braucht Gott Gold, Silber und Bronze? Diese Schätze nützen aber den Priestern ...) Die Priester bliesen ihre Hörner, und das Volk stimmte das Kriegsgeschrei an. Da stürzte die Mauer von Jericho ein. Die Israeliten stürmten die Stadt von allen Seiten und eroberten sie. Mit ihren Schwertern vernichteten sie alles Leben darin: Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel. (...) Als Jericho niederbrannte, sprach Josua einen Fluch aus: "Die Strafe des Herrn soll den treffen, der diese Stadt wieder aufbaut. Wenn er das Fundament legt, stirbt sein erster Sohn, und wenn er die Tore einsetzt, verliert er seinen jüngsten." Der Herr stand Josua zur Seite. Im ganzen Land sprach man von ihm. (...) Der Herr sprach zu Josua: "Hab keine Angst, und lass dich nicht einschüchtern! Zieh mit dem ganzen Heer nach Ai, und leg einen Hinterhalt auf der anderen Seite der Stadt! Ich gebe den König von Ai in deine Gewalt und mit ihm sein Volk, seine Stadt und sein Land. Du sollst mit Ai und seinem König das Gleiche tun wie mit Jericho und seinem König. Dieses Mal dürft ihr jedoch die Beute und das Vieh für euch behalten." (...) Da sprach der Herr zu Josua: "Heb dein Schwert hoch, und richte es gegen Ai! Die Stadt gehört euch." Josua streckte sein Schwert aus. Das war das verabredete Zeichen für die Truppen im Hinterhalt. Sie brachen aus ihrem Versteck hervor, fielen in die Stadt ein, eroberten sie und steckten alles schnell in Brand. Die Männer von Ai wandten sich um und sahen Rauch aus ihrer Stadt aufsteigen. Sie erkannten, dass sie in eine Falle geraten waren. Denn die eben noch fliehenden Israeliten machten nun kehrt und griffen an. Sie hatten den Rauch ebenfalls gesehen und wussten, dass die Stadt erobert war. Nun stürmten Josua und seine Soldaten den Männern von Ai entgegen. Diese waren plötzlich von zwei Seiten eingeschlossen. Denn jetzt kamen auch die israelitischen Soldaten aus der Stadt heran. Es gab kein Entrinnen. Alle Männer von Ai wurden getötet. Nur den König fasste man lebendig und brachte ihn zu Josua. Als die Israeliten ihre Gegner auf dem Schlachtfeld in der Ebene besiegt hatten, drangen sie erneut in die Stadt ein und brachten alle Einwohner mit dem Schwert um. Insgesamt starben an jenem Tag etwa 12000 Männer und Frauen. Josua ließ seine Hand mit dem Schwert erst sinken, als alle Einwohner Ais tot waren und so das Urteil des Herrn vollstreckt war. Das Vieh und die übrige Beute nahmen die Israeliten diesmal mit, wie der Herr es Josua befohlen hatte. Dann ließ Josua die Stadt niederbrennen, so dass nur noch ein Trümmerhaufen von ihr übrig blieb. Bis heute ist sie nicht wieder aufgebaut worden. Den König von Ai erhängte Josua an einem Baum."
(Josua 6 und 8)

Diese exzessiven Gewaltorgien richtete sich nicht nur gegen Fremde. Auch innerhab Israels gab es schon vorher von Gott (Wozu braucht Gott dieses Blutbad?) angeordnete Säuberungen (2. Mo 32,27-29):

"(...) So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann. Da sprach Mose: Füllt heute eure Hände zum Dienst für den HERRN - denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen -, damit euch heute Segen gegeben werde."

Diese Stellen werden heute "Gott sei Dank" nicht mehr als Handlungsanweisungen genommen. Oder doch? Am 4. November 1995 standen die Chancen für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten noch gut. Jitzchak Rabin, Ministerpräsident Israels, und Jassir Arafat, konnten sich im Zuge des Oslo-Friedensprozesses auf einen Kompromiss bei der Gebietsverteilung einigen. Auf einer groß angelegten Friedenskundgebung verkündigt Rabin:

"Ich möchte gerne jedem einzelnen von Euch danken, der heute hierher gekommen ist, um für Frieden zu demonstrieren und gegen Gewalt. Diese Regierung, der ich gemeinsam mit meinem Freund Shimon Peres das Privileg habe, vorzustehen, hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben – einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen wird. (...) Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Ich sage Euch dies als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war."

Wenige Augenblicke später wurde Jitzchak Rabin erschossen, ermordet von Jigal Amir, einem jüdischen Fundamentalisten, der die Bücher Mose und Josua und speziell die von Gott für alle Ewigkeit (1. Mo 48,3-4) versprochenen Gebiete (Josua 13-19) eben doch wörtlich nahm. Seither herrscht dort wieder Krieg in Form von Vertreibung und Terror.

Aber betrifft uns das als Christen? "Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten." (Sprüche 13,24) Manche Christen, die glauben, es besonders genau nehmen zu müssen, setzen diese Stelle tatsächlich in der Erziehung ihrer Kinder um. Dabei muss man noch froh sein, dass sie die Bibel meist gar nicht komplett gelesen haben. Denn im 5. Buch Mose, Kapitel 21, Verse 18 bis 21 steht sogar:

"Wenn jemand einen widerspenstigen und ungehorsamen Sohn hat, der der Stimme seines Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht und auch, wenn sie ihn züchtigen, ihnen nicht gehorchen will, so sollen ihn Vater und Mutter ergreifen und zu den Ältesten der Stadt führen und zu dem Tor des Ortes und zu den Ältesten der Stadt sagen: Dieser unser Sohn ist widerspenstig und ungehorsam und gehorcht unserer Stimme nicht und ist ein Prasser und Trunkenbold. So sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, dass er sterbe, und du sollst so das Böse aus deiner Mitte wegtun, dass ganz Israel aufhorche und sich fürchte."

Bei solch einem Gebot wird mir tatsächlich Angst und Bange. Ich habe selbst einen Sohn, den ich liebe. Für mich ist es keine Frage, dass ich diese Gebote ignoriere. Ich frage mich statt dessen, wie es überhaupt jemals Eltern geben konnte, die solch ein Gebot als von Gott gegeben akzeptieren konnten?

Warum aber diese Beispiele? Kann solch ein Thema denn überhaupt dienlich sein? Geht es nicht darum, Menschen für Gott zu gewinnen? Schreckt man damit nicht Menschen ab? Wäre es nicht besser, diese Bibelstellen zu verschweigen?

Die Menschen sind überfüttert mit Werbung. Diese Seite soll keinen weiteren Beitrag dazu leisten. Christen sollten ein Interesse daran haben, ehrlich zu sein. Sie sollten diese Kapitel der Bibel selbst ansprechen und nicht darauf warten, bis andere darauf hinweisen. Alles muss auf den Tisch, damit Menschen fundiert eine Entscheidung treffen können und nicht bei jeder neuen Information aus der Bahn geworfen werden. Verheimlichen und Lügen kann niemals eine Lösung sein. Der Zweck hat noch nie die Mittel geheiligt.

Wie aber umgehen, mit diesen Stellen? Wie umgehen mit einer Bibel, die solche Stellen enthält? Das größte Problem sind dabei gar nicht einmal diese Bibelstellen, das größte Problem ist ein Bibelverständnis, das die Bibel als verbindliche Handlungsgrundlage für Christen erklärt. Denn die Bibel ist nicht die Grundlage, sondern Jesus. Zu glauben, die Bibel sei normativ oder gar ausnahmslos Gottes direkte Anweisung an uns, unterschätzt, welche Blutspur dieses Verständnis durch die Kirchengeschichte zieht. Nicht nur die katholische Kirche ermordete Kritiker als Ketzer, auch Reformatoren gaben ihren Segen, wenn es um die Abschlachtung beispielsweise von Mitgliedern der Täuferbewegung ging - und sie beriefen sich auf die Bibel. Es ist deshalb keine theologische Spitzfindigkeit sondern fundamental, sich bewusst zu machen, welche Rolle der Bibel zukommt. Mehr dazu hier.

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